001 -Rechts ist Stille. Mein taubes Ohr und was es mit mir macht

Ohr Foto Ich höre dich (1)

Rechts ist Stille

und was es mit mir macht…

Ich bin vor vier Wochen aufgewacht und die Welt war nur noch halb da.

Links zwitscherten die Vögel.
Rechts war Stille.
Keine mystische Stille. Keine meditative.
Sondern einfach: nichts.

Ich lag im Bett und dachte zuerst, ich hätte auf meinem Ohr geschlafen.
Man kennt das ja. Arm eingeschlafen. Bein eingeschlafen. Warum nicht auch das Gehör?
Ich drehte den Kopf. Ich klopfte mir ans Ohr. Ich schüttelte ihn sogar ein bisschen, als wäre mein Kopf ein Marmeladenglas, dessen Deckel klemmt.

Nichts.

Was allerdings sehr deutlich da war:
Schwindel.

Nicht dieses „Mir ist kurz komisch“.
Sondern dieses Gefühl, als würde man dauerhaft auf einem Bootssteg gehen, der leicht schwankt.
Oder wie auf hoher See, nur ohne Sonnenuntergang und Cocktail.

Mir war speiübel.
Jede Bewegung fühlte sich an wie eine kleine Mutprobe.
Der Boden war plötzlich keine verlässliche Größe mehr.

Seitdem höre ich die Welt nur noch einseitig.
Und bewege mich vorsichtiger durch sie. Gespräche fühlen sich an wie schlecht gemischte Podcasts. Menschen auf meiner rechten Seite verschwinden akustisch einfach aus meinem Leben. Vielleicht ist das die natürliche Selektion im Alltag.

„Du musst lauter sprechen, ich höre rechts nichts“, sage ich inzwischen ganz selbstverständlich.

Interessant ist, wie schnell man lernt, es zu kaschieren.
Man nickt.
Man lächelt.
Man sagt „Hm“.

Und hofft, dass es keine Frage war.

Klarheit beginnt manchmal mit einem peinlichen „Was hast du gesagt?“.

Was mich mehr irritiert als die Stille, ist die Frage dahinter:
Was in meinem Leben wollte ich vielleicht wirklich nicht hören?

Ich bin kein Fan davon, jedem Symptom sofort eine spirituelle Botschaft anzudichten. Nicht jedes Zwicken ist eine göttliche WhatsApp. Manchmal ist ein Ohr einfach ein Ohr.

Aber vier Wochen sind lang.
Vier Wochen Halbwelt.

Ich merke: Ich habe immer geglaubt, ich sei jemand, der gut zuhört.
Jetzt höre ich selektiv – und werde gezwungen, mich bewusst auszurichten.
Ich muss mich drehen.
Ich muss Menschen anschauen.
Ich kann nicht mehr nebenbei hören.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung:
Präsenz.

Ein taubes Ohr macht klarer als jede Morgenmeditation:
Du kannst nicht alles gleichzeitig wahrnehmen.
Du kannst nicht überall halb sein.

Rechts ist Stille.
Und in dieser Stille liegt keine Erleuchtung.
Aber eine Frage:

Wo stehe ich im Leben halb gedreht?
Wo höre ich nur mit dem bequemen Ohr?

Ich weiß noch nicht, ob mein Gehör zurückkommt.
Im Moment lebe ich eben im Halbton.

Und vielleicht ist das gar kein Defizit.
Vielleicht ist es eine Einladung, mich jedes Mal bewusst zuzuwenden.

Denn wer wirklich hören will, muss sich drehen.

Und das ist anstrengender als es klingt.

Herzlich,
Andrea