Kontrolle abgeben
Kontrolle abgeben
Ich dachte lange, ich sei gut im Vertrauen.
Bis ich gemerkt habe, dass ich eigentlich nur gut im Organisieren bin.
Kontrolle fühlt sich nämlich nicht an wie Kontrolle.
Sie fühlt sich an wie Verantwortung.
Wie Überblick.
Wie „Ich hab das im Griff“.
Kalender voll, aber sortiert.
To-do-Liste abgearbeitet.
Für alles eine Lösung.
Für jedes Problem einen Plan B.
Kommt dir das bekannt vor?
Man nennt es Struktur.
Zuverlässigkeit.
Erwachsensein.
Aber manchmal ist es auch einfach Angst in gutem Management verpackt.
Und dann kommt so ein Moment –
eine Operation.
Ein Befund.
Ein Körper, der macht, was er will –
und plötzlich merkt man:
Hier greift nichts mehr.
Im Gedanken liege ich auf einer Liege, trage dieses charmante OP-Hemdchen mit modischem Rückenausschnitt und soll „einfach locker bleiben“.
Ein Satz, der in keinem Wartezimmer dieser Welt jemals geholfen hat.
Kontrolle abgeben klingt spirituell reif.
Ist es aber nicht.
Es ist unbequem.
Denn Kontrolle gibt Sicherheit.
Oder zumindest die Illusion davon.
Solange ich plane, google, strukturiere, recherchiere und noch eine Zweitmeinung einhole, habe ich das Gefühl, beteiligt zu sein.
Aktiv. Handlungsfähig.
Und versteh mich nicht falsch – prüfen ist wichtig.
Fragen stellen ist wichtig.
Eigenverantwortung ist wichtig.
Aber irgendwann kommt dieser Punkt,
an dem du alles getan hast, was du tun konntest.
Und dann?
Dann beginnt das, worüber kaum jemand spricht.
Dieses innere Loslassen.
Nicht resigniert.
Sondern bewusst.
Vielleicht kennst du diesen Moment auch.
Nicht im OP.
Aber im Leben.
Wenn dein Kind seinen eigenen Weg geht.
Wenn ein Projekt nicht mehr in deiner Hand liegt.
Wenn eine Beziehung sich verändert.
Wenn du alles gesagt hast –
und nichts mehr kontrollieren kannst.
Doch irgendwo zwischen Aufklärungsgespräch und Einverständniserklärung wurde mir klar:
Jetzt endet mein Einfluss.
Und genau da beginnt das Eigentliche.
Nicht Ohnmacht.
Sondern Übergabe.
Ich kann Ärzte prüfen.
Ich kann Fragen stellen.
Ich kann Entscheidungen treffen.
Aber ich kann nicht nebenbei mein eigenes Innenohr operieren.
Es gibt diesen Moment, in dem man innerlich einen Schritt zurücktritt und sagt:
Gut.
Dann jetzt nicht mehr ich.
Das hat nichts mit Schwäche zu tun.
Und nichts mit „Das Universum wird’s schon richten“.
Es ist ein nüchternes Anerkennen:
Ich bin nicht allmächtig.
Und ich muss es auch nicht sein.
Wie oft versuchen wir, alles zu tragen?
Für alle mitzudenken?
Alles im Blick zu behalten?
Und wie viel Kraft kostet das eigentlich?
Interessanterweise wurde es genau in diesem Moment ruhiger in mir.
Nicht, weil alles gut war.
Sondern weil ich aufgehört habe, krampfhaft festzuhalten.
Kontrolle kostet Kraft.
Vertrauen auch.
Aber Vertrauen macht weicher.
Vielleicht bedeutet Kontrolle abgeben nicht, passiv zu werden.
Vielleicht bedeutet es, an der richtigen Stelle loszulassen.
Ich prüfe.
Ich entscheide.
Und dann lasse ich machen.
Das ist kein Aufgeben.
Das ist Erwachsensein.
Und vielleicht ist genau das auch deine Übung gerade:
Nicht alles tragen.
Nicht alles steuern.
Nicht alles verhindern.
Sondern dich fragen:
Wo halte ich gerade fest, obwohl ich längst alles getan habe?
Wo darf ich Verantwortung behalten –
und wo darf ich sie abgeben?
Sondern stehen bleiben.
Atmen.
Und sagen:
Jetzt darf ich gehalten werden.
Spirituell.
Bodenständig.
Echt.
Fortsetzung folgt.
Herzlichst,
Andrea
Impuls für diese Woche:
Kontrolle behalten – oder Vertrauen üben?
Wo entscheidest du neu?