Wenn der Alltag kippt
Man unterschätzt, wie sehr man aufrecht lebt.
Bis sich plötzlich alles dreht.
Dieser Lagerungsschwindel kommt nicht langsam.
Er kündigt sich nicht höflich an.
Er ist einfach da.
Von einer Sekunde auf die andere stehe ich auf einem inneren Drehteller.
Der Boden bleibt, wo er ist –
nur ich nicht.
Speiübel.
Schlagartig.
Als hätte jemand heimlich an meiner inneren Wasserwaage gedreht.
Man lernt schnell:
Immer eine Hand irgendwo.
Türrahmen. Tischkante. Wand.
Nicht elegant, aber effektiv.
Im Schlaf ist es nicht besser.
Wenn ich aus der Sitzposition wegrutsche oder mich nur minimal falsch drehe, fährt mein Gleichgewicht Karussell.
Mitten in der Nacht.
Ohne Vorwarnung.
Der Alltag schrumpft.
Kein Auto fahren.
Kein Fahrrad.
Keine schnellen Bewegungen.
Kein „Ach, das mache ich eben noch schnell“.
Alles braucht Planung.
Langsamkeit.
Vorsicht.
Und dann dieses schlechte Gewissen.
Kolleginnen übernehmen Aufgaben.
Termine werden verschoben.
Ich funktioniere nicht wie gewohnt.
Und obwohl ich weiß, dass niemand mir Vorwürfe macht,
schleicht es sich an:
Du müsstest doch eigentlich.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.
Nicht durch Schwindel.
Aber durch Momente, in denen dein Leben plötzlich langsamer wird als dein Anspruch.
Wenn dein Körper Pause will –
dein Kopf aber weiter durchziehen möchte.
Wenn Umstände dich bremsen.
Eine Krankheit.
Eine Trennung.
Ein Konflikt.
Eine Erschöpfung, die du nicht mehr wegorganisieren kannst.
Und plötzlich geht nicht mehr alles.
Aber nein.
Ich müsste gerade gar nichts – außer stehen bleiben.
Vielleicht ein Hörsturz.
Vielleicht etwas anderes.
Eine eindeutige Diagnose gibt es nicht.
Man schnippelt auf blauen Dunst herum.
Mit Aufklärung über Risiken.
Mit Sätzen wie:
„Wir wissen erst mehr, wenn wir drin sind.“
„Tauber kann ihr Ohr nicht werden.“
Es ist absurd, wie nüchtern Medizin sein kann,
wenn dein eigenes Gleichgewicht Achterbahn fährt.
Und trotzdem:
Ich gehe diesen Weg.
Ich prüfe.
Ich entscheide.
Ich unterschreibe.
Und dann zapfe ich wieder dieses Urvertrauen an.
Nicht als Flucht.
Nicht als spirituelle Beruhigungstablette.
Sondern als innere Basis.
Denn wenn der Alltag kippt,
muss etwas in dir stabil bleiben.
Vielleicht ist genau das die Frage für uns alle:
Was bleibt stabil, wenn außen alles wackelt?
Wer bist du, wenn du nicht leisten kannst?
Wenn du nicht funktionierst?
Wenn dein Radius kleiner wird?
Ich merke, wie sehr ich sonst alles selbstverständlich nehme.
Geradeaus gehen.
Schnell aufstehen.
Auto fahren.
Eigenständig sein.
Jetzt ist jede Bewegung bewusst.
Jeder Schritt eine kleine Abstimmung mit meinem Körper.
Und vielleicht liegt genau hier die leise Botschaft:
Nicht gegen den Zustand kämpfen.
Nicht verzweifeln.
Nicht dramatisieren.
Sondern anerkennen:
Im Moment ist mein Radius kleiner.
Aber ich bin es nicht.
Vielleicht ist auch dein Radius gerade kleiner.
Weniger Kraft.
Weniger Geduld.
Weniger Kontrolle.
Aber das sagt nichts über deine Größe.
Manchmal schrumpft der Alltag,
damit wir uns selbst wieder spüren.
Der Schwindel kommt.
Die Übelkeit auch.
Der Alltag ist eingeschränkt.
Und ich bleibe.
Mit einer Hand am Türrahmen.
Mit beiden Füßen – so gut es geht – am Boden.
Und mit einem Vertrauen, das tiefer reicht als jede Drehbewegung.
Spirituell.
Bodenständig.
Echt.
Bis nächsten Sonntag!
Herzlichst, Andrea
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