003 – Zwischen Himmel und Befund

003- Draht nach oben

Zwischen Himmel und Befund

Zwischen Himmel und Befund

Ich dachte ja immer, ich hätte einen ganz guten Draht nach oben.
So einen feinen inneren Empfang.
Intuition. Zeichen. Bauchgefühl.
Nicht esoterisch. Eher wie ein inneres WLAN mit stabilem Passwort.

Und dann wache ich auf – und höre rechts nichts mehr.

Vier Wochen später sitze ich hier, mit einer geplanten Operation, einem Kopf voller „Was-wäre-wenn“-Szenarien –
und dieser neuen Baustelle, die da definitiv nicht hingehört.

Ironie des Lebens:
Vielleicht passiert genau so etwas, wenn man nicht hinhört.

Und ja, ich weiß, wie das klingt.
Die Frau mit dem „guten Draht zum Universum“ bekommt Sendestörung.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Ich bin gut darin, für andere hinzuhören.
Zwischen den Zeilen zu lesen.
Schwingungen zu erspüren.
Nur bei mir selbst?
Da stelle ich manchmal auf lautlos.

Da überhöre ich Müdigkeit.
Übergehe Grenzen.
Rede mir Tempo schön.
Und nenne es dann „Verantwortung“.

Kommt dir das bekannt vor?

Dieses „Ich mach das noch schnell.“
Dieses „Nur noch diese Woche.“
Dieses „Geht schon.“

Der Körper flüstert.
Wir drehen die Musik lauter.

Ein Ziehen im Nacken.
Ein Druck im Bauch.
Schlechter Schlaf.
Gereiztheit, die wir auf andere schieben.

Und irgendwann?
Wird aus dem Flüstern ein Stopp.

Seit klar ist, dass operiert wird, mischt sich etwas Neues unter die Stille im Ohr:
Verlustangst.

Was, wenn es schlimmer wird? – Lähmung der Gesichtshälfte.
Was, wenn es nicht besser wird? – Tauber kann mein Ohr ja nicht werden.
Was, wenn ich Kontrolle abgeben muss? – nicht mehr alleine essen & trinken können.

Man kann noch so spirituell unterwegs sein –
wenn der eigene Körper plötzlich Entscheidungen trifft, wird es sehr menschlich.
Sehr klein.
Sehr ehrlich.

Und dann diese neue Baustelle.
Noch ein Thema. Noch ein „Bitte kümmern“.

Vielleicht kennst du das auch –
nicht als Diagnose.
Aber als Dauerzustand.

Eine Mutter, die funktioniert.
Eine Selbstständige, die liefert.
Eine Frau, die stark ist.
Und irgendwo dazwischen ein leiser Satz:
„Und ich?“

Mein erster Impuls?
Warum noch das jetzt?

Mein zweiter?
Okay. Was überhöre ich eigentlich schon länger?

Ich will meinem Körper nichts Mystisches andichten.
Er ist kein Orakel.
Aber er ist auch kein Zufallsgenerator.

Er spricht.
Nur nicht in ganzen Sätzen.

Vielleicht verstehe ich seine Sprache gerade nicht, weil ich sie zu kompliziert übersetze.

Vielleicht ist sie einfacher:

Langsamer.
Klarer.
Weniger leisten.
Mehr stehen.

Nicht immer stark sein.
Nicht immer für alle funktionieren.
Nicht immer alles tragen.

Ich merke gerade, wie sehr ich Sicherheit liebe.
Pläne. Kontrolle. Überblick.

Ein taubes Ohr, eine Operation und eine neue Baustelle sind kein spirituelles Geschenkpapier.
Sie sind eine Zumutung.

Aber vielleicht liegt genau darin die Einladung:

Nicht perfekt angebunden zu sein.
Nicht immer alles richtig zu deuten.
Nicht alles im Griff zu haben.

Sondern da zu sein.
Mit Angst.
Mit Fragen.
Mit offenem Ausgang.

Und vielleicht auch mit der ehrlichen Frage an dich:

Wo drehst du gerade lauter, obwohl dein Körper leiser werden will?
Wo sagst du „Geht schon“, obwohl du müde bist?
Wo überhörst du dich selbst?

Mein „guter Draht“ rauscht gerade.

Vielleicht, weil ich lernen soll, nicht nur nach oben zu lauschen.
Sondern nach innen.

Und vielleicht ist das der ehrlichste Empfang von allen.

Wenn dich das berührt, erzähl mir gern, wo dein Körper gerade anklopft.

Fortsetzung folgt.

Herzlich,
Andrea